Interview | Aus dem Leben eines Handwerk-Künstlers

Mein Papa Michael ist kreativ und vielfältig. In gewisser Hinsicht, ist er auch ein Künstler. Auch wenn er das so wohl kaum sagen würde. Als Sohn eines Schreiners liegen seine Wurzeln im Handwerk.

Er kann sehr gut mit seinen Händen umgehen und liebt es, neue Dinge zu erschaffen. So sind über die Zeit viele Hobbies und Kunsthandwerke entstanden. Er drechselt, hat eigene Messer geschmiedet, baut eigene Vogelhäuser und Bänke, hat schon getöpfert und Körbe geflochten. Er imkert, räuchert Schinken und backt Brot mit meiner Mutter. Dieses Jahr hat er einen eigenen Schäfer-Wagen gebaut. Eine Menge Unternehmungen. Zeit, sich zu unterhalten, um mehr zu erfahren.

Pascal: Was ist Dein aktuelles Projekt? Was treibt Dich aktuell an?

Michael: Die nächste größere Herausforderung besteht darin, mein Können im Drechseln auszubauen. Ich habe den Drechsel-Platz in meiner Werkstatt zwar eingerichtet und habe Werkzeuge gekauft, habe erste Werkstücke erstellt; doch manche der Werkzeuge sind hier bisher noch gar nicht zum Einsatz gekommen; zum Beispiel zum Schälen und Aushöhlen des Holzes.

Mit dem Drechseln möchte ich gerne Geschenke machen. Deswegen will ich auf jeden Fall auch das handwerkliche Geschick und die Fertigkeit ausbauen, um hier eine gewisse Tiefe zu erreichen.

Jetzt im Winter, wo die Aufgaben außen abnehmen, geht es mehr in die Werkstatt; u. a. ans Drechseln. Daneben muss ich meinen Schäfer-Wagen noch winterfest machen, muss verschiedene Arbeiten machen, wie Fenster-Leibungen. Wenn Schnee und Regen kommen, sollte der Wagen dicht sein. Auch mäusedicht muss er sein.

P: Du sprichst den selbst gebauten Schäfer-Wagen an. Ich bin mir sicher, es gibt relativ wenige Leute, die einen Schäfer-Wagen besitzen, und noch weniger Leute, die ihn auch noch selbst gebaut haben. Wie bist Du auf diese Idee gekommen?

M: Ursprünglich geht das auf meine Imkerei zurück. Ich bin sehr gerne draußen und suche da die Ruhe. Als ich früher von der Arbeit sehr viel Stress hatte, war immer diese Idee im Kopf. Der Schäfer-Wagen als Insel im Kopf: Ruhig, abgeschieden, Feuer im Ofen. Kein Stress. Runterkommen. Das war immer die Assoziation im Kopf. Als ich dann in den Vorruhestand gekommen bin, hat sich die Idee langsam gefestigt, da ich mehr Zeit hatte.

Eigentlich wollte ich anfangs nur einen alten Wagen restaurieren. Beim genaueren Hinsehen, hat sich jedoch herausgestellt, dass das Alte zu alt war. Da kam dann die Entscheidung, es komplett neu zu machen. Im Nachhinein hat es sich auf jeden Fall als richtig erwiesen.

Im Moment gibt es bei dem Projekt noch einiges zu tun. Insbesondere im Innenbereich muss ich noch viel machen. Aber ich habe ja Zeit und brauche den Wagen nicht heute oder morgen. Grundsätzlich steht der Spaß im Vordergrund. Daher wechsle ich auch immer meine verschiedenen Tätigkeiten: Für die Imkerei muss ich etwas machen, wenn es notwendig ist. Das Drechseln und der Schäferwagen wechseln sich dann im Winter ab.

Noch eines zum Wagen: Meine Hintergedanke ist sicher auch der, dass man irgendwann einmal ab und an eine Nacht darin schlafen kann. Es soll aber kein Wohnwagen werden, sondern das Urige soll beibehalten werden. Und dann in der Landschaft stehen, mit Feuer im Ofen: Klasse!

P: Du hattest gerade schon das Stichwort „Wintertätigkeiten“ genannt. Ist es dann auch so, dass Du Dich mit Deinen verschiedenen Tätigkeiten an die Jahreszeiten anpasst?

M: Selbstverständlich! Jetzt im Winter, schaue ich mit einem Auge schon wieder nach Holz-Losen. Im Winter möchte ich gerne wieder eigenes Brennholz machen. Einen Holzvorrat. Da ist es immer wichtig, etwas vorauszuplanen. Aktuell haben wir noch Holz für circa zwei, bis drei Winter. Aber ein gewisser Puffer muss man da immer haben.

Und daneben geht es dann an die Arbeiten in der Werkstatt. Da wird dann der Ofen eingeheizt und das Radio angestellt. Dann geht es ans Drechseln oder auch ans Bienenkisten-Bauen (Zargen). Teilweise müssen diese erneuert werden, wenn Specht-Löcher entstanden sind oder wegen der Witterung. Das muss repariert werden. Hier habe ich die Idee, die Zargen bunt zu streichen. Das gefällt mir.

Im Frühjahr geht es dann, jahresbedingt, auch wieder daran, Bäume zu beschneiden. Es müssen Wiesen und Zäune gerichtet werden. Im Sommer kommt der normale Wiesenschnitt, auf meinen Baumstücken, und die Holzvorbereitungen, ehe das Holz dann an die Freunde und Familie geht. Daneben haben wir auch noch unseren Hausgarten, der uns auf Trapp hält. Im Winter kann da natürlich nicht viel gemacht werden. Aber wenn es wärmer wird, können einzelne Pflanzen wie Tomaten schon im Gewächshaus vorgezogen werden. Das geht im Januar/Februar wieder los.

P: Du hattest vom Imker-Dasein gesprochen; wie du die Bienenkisten selbst in der Werkstatt erstellst. Wie bist Du zum Imkern gekommen und was fasziniert Dich an Bienen?

M: Die Imker-Tätigkeit geht im Prinzip auf einen ehemaligen Geschäftskollegen aus Großbottwar zurück; der hatte zu dem Zeitpunkt zusammen mit seinem Vater eine Imkerei. Dann haben wir uns seine Grundstücke angeschaut und er hat mir die Bienenstöcke gezeigt. Er hat mir da einiges erklärt, was meine Meinung zu den Bienen sicher stark beeinflusst hat. Davor waren das für mich auch vor allem „Stecher“ (lacht). Wo man aufpassen muss und Angst haben sollte. Das ist aber falsch.

Bevor mein Vorruhestand dann losging, habe ich schon ein bisschen nach vorne geschaut und überlegt, was ich mit meiner Zeit machen möchte. Dann habe ich verschiedene Kurse gemacht. Ich wollte erst kleiner starten mit den Bienen, wobei wir im Moment auch gar nicht so groß sind. Wir haben aktuell acht Völker.

Im Nachhinein hat sich das als tolle Entscheidung herausgestellt. Die Leute sind auch sehr interessiert daran und ich zeige dann gerne, wie alles funktioniert; es war beispielsweise auch schon der Kindergarten da.

Wenn man sich mal damit auseinandergesetzt hat, wie ein Volk harmoniert und funktioniert, ist das sehr toll! Und natürlich ist es schön, eigenen Honig-Ertrag zu haben. Nächstes Jahr möchte ich dann noch mit dem Propolis-Ertrag einsteigen (Anmerkung: Eine harzartige Masse, welche auch von den Bienen hergestellt wird und als natürliches Heilmittel wirkt). Das ist sehr gesund.

P: Ich denke, dass die meisten, die das Interview lesen, wissen, dass Bienen wichtig sind. Vielleicht kann es aber nicht jeder einschätzen, worum es genau geht. Vielleicht kannst Du nochmal kurz zusammenfassen, worin die Wichtigkeit der Bienen und damit zusammenhängend auch für die Menschen ausmacht.

M: Wir brauchen die Bienen! Die Bienen sind für die Bestäubung der Pflanzen wichtig. Manche Pflanzen werden durch den Wind bestäubt, wenn die Pollen weitergetragen werden. Hauptsächlich läuft die Bestäubung jedoch über die Bienen ab.

Daneben haben wir mit dem eigenen Honig und dem Wachs ein wunderbares, gesundes Nahrungsmittel.

Mittlerweile gibt es glücklicherweise wieder mehr Imker. Bis vor ein paar Jahren gab es eine Imker-Knappheit. Das hat sich auch durch Stadtimker ein wenig gewandelt.

P: Dann könnte man es im Prinzip auch als Grundlage für das Leben im Allgemeinen nennen. Daneben das Naturprodukt, das hergestellt wird. Richtig?

M: Selbstverständlich. Absolut. Der Honig ist sehr wertig. Eines der wertvollsten Naturprodukte, die es gibt. Das ist auch belegt. Seit Urzeiten werden Honig und die Zusatzstoffe genutzt.

P: Einleitend hatte ich angemerkt, dass Du sehr viele Hobbies hast und sehr viele unterschiedliche Sachen ausprobiert hast: Körbe geflochten, eigene Messer geschmiedet und so weiter. Wenn wir nun über das Handwerk sprechen: Gibt es da eine bestimmte Angewohnheit, wie Du da an die Sachen herangehst?

M: Im Prinzip möchte man immer etwas eigenes erschaffen. Das ist sicher auch ein Kostenfaktor, macht aber vor allem viel Spaß. Es ist toll, wenn man anfangs ein Stück Holz in den Händen hält und sich dann Gedanken macht, was man umsetzen möchte. Da Opa ja auch Schreiner ist, kenne ich es in der Familie sowieso nicht anders; auch früher war es aus finanziellen Gründen oft nötig, Sachen selbst zu machen. Möbeln, Schränke, etc. Wenn man etwas eigenes aus einem Rohstoff erschaffen kann; das ist eine große Freude! Man hat auch einen anderen Bezug zu den Dingen, wenn man sie selbst herstellt. Es klappt natürlich auch nicht immer…ich bin auch kein Zauberer (lacht).

P: Du bist, das kann man sicher sagen, sehr perfektionistisch veranlagt. Was glaubst Du, woher das kommt? Warum setzt Du so hohe Ansprüche an Dich selbst?

M: Das ist sicher vom Opa geprägt. Ein Mann der sein Leben lang geschreinert hat und hier hohe Ansprüche setzt. Opa Roland (Anm.: Papa meiner Mutter) war ja von Beruf Maurer, und hat hier auch immer sehr genau gearbeitet. Das prägt auf jeden Fall! Ich habe es oft gedacht in der Vergangenheit…als wir beispielsweise den Holzbackofen gebaut haben…manchmal schimpfe ich dann auch mit mir selbst, wenn ich so streng mit mir bin. Als der Rundbogen der Ofens komplett fertig war, habe ich alles wieder abgeschlagen, da ich schlichtweg nicht zufrieden damit war. Da schüttle ich manchmal auch selbst den Kopf. Aber das mache ich eben so lange, bis ich denke: Jetzt ist aber auch mal gut (lacht).

P: Wie bist Du darauf gekommen, ein eigenes Messer zu schmieden?

M: Ich habe immer schon ein Messer-Faible. Bei Bekannten hatte ich einmal mitbekommen, wie diese eigene Messer gemacht haben. Das hat mich dann sehr interessiert. Deswegen habe ich angefangen, mir Bücher auszuleihen, um den Prozess zu verstehen. Dann habe ich einen Kurs gemacht. Und auch hier stimmt wieder: Man hat einfach eine andere Beziehung zu selbstgemachten Dingen! Ein Messer, das man von Anfang an selbst geschmiedet, geschliffen und geformt hat, bei dem man den Griff selbst gemacht hat.

Der Messerkurs war eine tolle Erfahrung. Eine richtige Gemeinschaft der Teilnehmer. Als ob eine Kinderschar in den Spielzeugwarenladen geschickt worden wäre. Herrlich. Solch eine Einigkeit habe ich davor noch nie erlebt; wie alle an ihren Messern geschliffen haben. Das mache ich sicher wieder.

P: Vielleicht kannst Du noch kurz ein bisschen zu den verschiedenen Tätigkeiten erzählen, die Du oftmals auch mit der Mama zusammen machst, wenn ihr eigene Lebensmittel herstellt, wie das Brot backen. Auch abseits vom Honig seit ihr ja sehr aktiv.

M: Wir machen beispielsweise auch eigene Maultaschen. Wir probieren sehr gerne Sachen zusammen aus. Und daneben die eigene persönliche Note in die Dinge zu bekommen, ist sehr schön. Da wird dann auch wieder probiert, bis es passt.

Petra macht daneben auch eigene Seifen und Kerzen. Auch Nischenprodukte. Man versucht sich einfach immer wieder an neuen Dingen, wird inspiriert, wenn man etwas liest oder auf einem Handwerksmarkt unterwegs ist. Nistkästen habe ich beispielsweise auch schon viele gemacht. Im Prinzip habe ich da alle Varianten durch…gute und schlechte (lacht).

P: Wir haben nun sehr viel über Handwerk gesprochen und was Du alles schon gemacht hast. Viele Sachen, die Du erstellt hast. Nun hast Du im Bereich Elektronik gearbeitet. Wenn Du zurückblickst und wenn man die Möglichkeiten berücksichtigt, die ich beispielsweise hatte, was würdest Du gerne für eine Ausbildung machen, wenn Du es im Nachhinein nochmal entscheiden könntest?

M: Wenn ich das Rad zurückdrehen könnte, würde ich heute mit größter Wahrscheinlichkeit eine Schreiner-Ausbildung machen. Mein Papa hat früher immer gesagt, ich soll etwas anderes machen, weil er eben Schreiner war. Ich arbeite sehr gerne mit Holz: Wenn ich in eine Schreinerei reinkomme, Hobelspäne rieche, da fühle ich mich wie daheim. Das war schon immer so.

Es ärgert mich heute nicht, weil es mir gut geht. Aber im Nachhinein wäre ich wohl in der Holzbranche gelandet. Körperlich ist es zum Teil aber sicher anstrengender.

P: Eine abschließende Frage. Gibt es irgendetwas, das Du den Lesern mit auf den Weg geben möchtest? Ich kann mir vorstellen, dass es auf Leser zum Teil auch inspirierend wirken kann.

M: Ich wünsche jedem, dass er die Möglichkeit hat und nutzt, möglichst viel zu machen. Man muss viel ausprobieren. Es gibt beispielsweise bei der Volkshochschule so viele interessante Möglichkeiten, Dinge auszuprobieren. Man entdeckt die Talente ja auch immer erst, wenn man etwas Neues testet. Wenn man immer nur die gleichen Sachen macht, dann bleibt man auch auf dem gleichen Stand. Das wäre doch schade.

P: Papa vielen Dank für das Gespräch!
M: Sehr gerne!

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